Eine Reise durch den Zirkus des Horrors

Wie ein Kind an Weihnachten habe ich mich gefreut, als das Datum der Premiere des Zirkus des Horrors in Bielefeld näher rückte. Am Dienstag war es dann soweit. Praktischerweise hatte ich den Tag frei und konnte mich in aller Ruhe mental auf das Grusel-Spektakel vorbereiten.

Auf die Veranstaltung aufmerksam geworden bin ich vor ein paar Wochen durch Zufall, beim all-wöchentlichen Surfen auf Groupon (einer Website, die Coupons für Angebote aus der gesuchten Region verkauft). Hier gab es Premierenkarten für die Vorführungen in vier Städten, darunter Bielefeld. Als bekennender Horror-Fan konnte ich nicht anders und musste sofort zuschlagen. Zwei Karten habe ich mir für 18 Euro das Stück (anstelle der eigentlichen 28,95) gesichert. Ein Begleiter hat sich auch schnell gefunden und so hieß es fortan: Abwarten und derweil Youtoube-Promo-Videos gucken.

Achtung: Es folgt eine detaillierte Schilderung der Ereignisse. Wer selbst noch in eine Vorstellung gehen möchte und nicht gespoilert werden will, sollte nicht weiterlesen!

Als wir uns am Dienstag auf den Weg nach Bielefeld gemacht haben, ist tatsächlich etwas passiert, das selten bei mir vorkommt. Ich bin ja bekannt für meinen leicht neurotischen Hang zur absoluten Planungssicherheit. Dass ich nun zu einer Veranstaltung fahre, ohne vorher eine Karte gelesen zu haben, die den Weg genau beschreibt, ist eher selten. Irgendwie hatte ich mich aber darauf verlassen, dass mein Begleiter, der ja auch der Fahrer war, sich schon kümmern würde. Er hat wohl selbiges von mir gedacht. So fuhren wir erst einmal ins Blaue. Auf der Eintrittskarte war lediglich „Festplatz/Gleisdreieck, Südring, Bielefeld“ angegeben und damit konnte und wollte das Navi nur wenig anfangen. Letztendlich standen wir um 19.15 Uhr (Beginn war 19.30 Uhr) im Stau vor Ikea und krochen von Ampelphase zu Ampelphase jeweils etwa zwei Meter vorwärts. Leichte Panik stellte sich meinerseits ein, ich hasse ja kaum etwas mehr, als zu spät zu sein. Wir wussten auch immernoch nicht, ob wir überhaupt in die richtige Richtung fuhren und versuchten verzweifelt, mit freundlicher Google-Unterstützung, unterwegs weitere Details zum Veranstaltungsort zu finden. Während ich schon ein wenig schnippisch gegenüber meinem Begleiter wurde und frustiert aus dem Fenster starrte, erschien plötzlich eine rot-gelb gestreifte Zeltspitze hinter dem blau-gelben Ikea-Schild. So einfach kann es sein. War klar, wo Bahnschienen sind, ist ein Gleisdreieck am ehesten zu vermuten.

Zirkus des Horrors
Nach weiteren mit Parkplatzsuche verbrachten Minuten, schafften wir es dann endlich zum Eingang. Erleichterung: der Einlass begann, entgegen den auf der Karte angebenenen 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn, erst gerade als wir ankamen. Die Eintrittskarten vorher gekauft zu haben, erwies sich als sehr kluge Entscheidung. Die Schlangen an den Kassen waren enorm lang und einige zogen unverrichteter Dinge von dannen – ausverkauft bis auf den letzten Platz.

Ich war schon völlig begeistert, als ich das Zirkuszelt in voller Gänze zu sehen bekam. Rot und gelb mit vielen Zeltspitzen und von unten mit Licht bestrahlt hatte es einen Charme, der an Freakshows des letzten Jahrhunderts erinnern ließ. Am Eingang erwartete uns eine nette Zombie-Dame, die, gefolgt von Mönchen in düsteren Kutten, uns hineinwies und unsere Tickets kontrollierte. Was wir dann sahen war:

nichts.

Völlige Dunkelheit blickte uns entgegen. Ein flatteriger Vorhang zierte den Eingang des Hauptzeltes. Soweit so gut. Ich dachte eigentlich, ich würde nur eine Horror-Show angucken, nicht Teil von einer werden. Einige Meter vor uns sahen wir, wie sich unsere Vordermänner langsam ins Innere tasteten. Kaum waren wir von der Dunkelheit umgeben, wurde diese von aufblitzendem Licht gebrochen. Nur, um einen blutverschmierten Mann zu zeigen, der gerade seine Kettensäge anfeuerte. Ja, ich habe kurz aufgeschrien. Das war der Moment, an dem ich meinen Stolz am Zelteingang habe liegen lassen. Fortan war ich festgekrallt in den Ärmel meines Begleiters und wäre am liebsten mit geschlossenen Augen weitergegangen.

Durch das blitzende Licht konnte ich nun etwas mehr erkennen. Schnell wurde klar, dies ist nicht nur ein Tunnel, es gab überall Abzweigungen. Kaum näherten wir uns der ersten Kurve, ertönten so laute Angstschreie aus den Bereichen vor uns, dass sich alle meine Nackenhaare schlagartig aufstellten. Was konnte so gruselig sein, dass jemand in solche Schreie ausbricht?! Hinter der Kurve folgte eine blutverschmierte Geisterbraut, später ein Zombie in Ketten, ein halbtoter Mörder mit Baseballschläger und, für mich der absolute Obergrusel, Hellraiser.

Mit meinem Puls jenseits von Gut und Böse schafften wir es nach einer gefühlten Ewigkeit ins Foyer. Hier haben sich die Macher wirklich Mühe gegeben. Im Vorzelt herrschte schummriges Licht, dröhnende Musik und mehrere Stände, von Trollen, Ghouls und Zombies bewirtet, boten Getränke und Snacks. An einigen Stellen gab es auch Lounge-Bereiche, um sich vor oder nach der Show noch gemütlich dort aufzuhalten. Wir haben uns schnell mit Durstlöschern eingedeckt und sind dann weiter zur Platzsuche (ein böse drein blickender Mönche zeigte nach links) geschritten.

Praktischerweise ist die Manege ganz wie man es sich vorstellt, rund und mittig im Zelt, so dass man von allen Seiten einen guten Blick darauf hat. Wir haben uns in die letzte Reihe  gesetzt und waren völlig zufrieden mit den Plätzen. Abgesehen davon, dass mein Begleiter eine Dame sehr wortreicher Natur, nein, nicht mich, die auf der anderen Seite, neben sich hatte. Die etwas ältere Blondine schaffte es, alles, aber wirklich alles!, was sich auf der Bühne abspielte, zu kommentieren. Gefiel ihr etwas nicht, drehte sie sich so schwungvoll um, dass ihr Pferdeschwanz meinen Begleiter abklatschte. Hätte ich seinen Platz gehabt, wäre die Situation wohl anders ausgegangen. Er hat sich darauf beschränkt böse zu knurren und leise zu fluchen. Zurück zur Show.

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Eröffnet wurde das Spektakel von Nosferatu, der von seiner großen Liebe Camilla sprach, die er auf seine dunkle Seite ziehen möchte. Er begrüßte die Zuschauer in seinem Zirkus des Horrors und gab die Manege frei. Es folgten nun die unterschiedlichsten Acts. Ein Exorzismus, der in einer Artistiknummer endete, die „Pain Crew“, die Nadeln durch die tätowierten Körper stachen und sich an frisch gepiercten Fleischerhaken an der Decke hochziehen ließen um daran hängend durch die Manege zu fliegen. Ein Clown durfte nicht fehlen, der definitiv nichts für Kinder war. Lauthals fluchend und vulgär amüsierte er das Publikum, zumindest jene, die nicht mit Käfern beworfen oder nass gespritzt wurden. Ein „Freiwilliger“ schaffte es auf die Bühne und wurde Teil seiner Messer-Wurf-Show. Wunderbare Unterhaltung!

Zirkus des Horrors
Spannender wurde es, als sich zwei blutverschmierte Herren in Ledermontur auf einen Balance-Akt in ein sich drehendes Rondell begaben. Sie rannten um die sich immer weiterdrehenden Räder und sprangen knapp unter der Dicke ungesichert durch die Lüfte. Als Crescendo rasten Motorräder in die Manege. Ein Feuerspucker heizte der Menge noch einmal kräftig ein, während einige der Mönche eine beleuchtete Schanze näher zogen. Benzingeruch erfüllte die Ränge und aus gar nicht so weiter Ferne hörten wir auf einmal einen Motor aufheulen. So viel passierte gleichzeitig, dass uns beinahe entgang, wie ein Motorcross mit Vollgas über eine Rampe bretterte um in gut 13 Metern Höhe über die Manege hinweg zu fliegen und auf der anderen Seite wieder zu landen. Das war ziemlich abgefahren.

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Nach der Show, die etwa um 22.15 Uhr endete, bestand die Möglichkeit mit allen Zombies und Freaks Fotos zu machen und Autogramme zu sammeln. Mein Begleiter hätte sich gerne mit Hellraiser ablichten lassen. Da hier aber eine Schlange war und ich außerdem nicht allzu erpicht war, der Gestalt meiner Albträume näher zu rücken, machten wir uns alsbald auf den Heimweg.

Hatte ich vergessen zu erwähnen, dass wir aus Ermangelung an vernünftigen Parkmöglichkeiten in den Ausläufern eines nah gelegenen Waldstücks geparkt hatten? Das kommt wirklich super, wenn man gerade aus einer Horror-Show zurück geht. Den Weg durch die Dunkelheit zum Auto haben wir aber unbeschadet überstanden. Auch wenn mein Begleiter es sich nicht nehmen ließ, nach einem kurzen Austreten, das ich bereits im Auto sitzend abwartete, mit einem heftigen Ruck an die Beifahrerseite zu schlagen und mir einen letzten Schreck einzujagen. Mein Adrenalin-Vorrat war wohl aber schon aufgebraucht oder ich hatte insgeheim damit gerechnet. Der Schreck war zumindest nicht allzu groß.

Mein Fazit

Großartige Idee, ein wunderschönes Zirkuszelt und der Eingangsbereich ist bestimmt nichts für schwache Nerven. Die Show selbst hätte etwas Horror-mäßiger sein können, wenn sie schon unter dem Motto läuft. Für meinen Geschmack könnte man das Horror-Motto einfach kippen und aus dem Ganzen einen „Cirque du Freak“ machen. Das würde das erwachsene Hauptmotiv behalten, aber mehr Möglichkeiten geben. In so einem Kontext hätte für mich auch prima eine Burlesque-Show und weitere Freaks, vielleicht sogar ein Magie-Akt gepasst.

Die Artisten haben ihre Sache gut gemacht, waren aber nicht besonders abwechlungsreich oder aufregend. Ich bin da etwas gebrandmarkt, da ich zuletzt in Las Vegas eine Cirque du Soleil Show gesehen habe, die natürlich von ganz anderem Kaliber ist. Besonders gut hat uns gefallen, dass der Humor eine Grobschlächtigkeit hatte, die ohne jede Scheu und Scham voll unter die Gürtellinie traf. Das ist normalerweise nicht unbedingt mein Humor, passte aber absolut in die Szenerie. Wirklich gut war außerdem die Musikauswahl, zumindest größtenteils. Marylin Manson war dort genauso wie Rammstein vertreten. Ein strippender Nadelkünstler ließ sich von einer Swing-Version des Disturbed Songs „Down with the Sickness“ begleiten. Herrlich.

Wir hatten viel Spaß und einen tollen Abend. Ich würde den Zirkus des Horrors definitiv weiter empfehlen! Allerdings sei eins noch angemerkt: die Veranstalter empfehlen die Vorstellung nicht mit Kindern unter 14 Jahren zu besuchen und ich würde hier absolut zustimmen. Auch Leute, die sich schnell ekeln oder etwas zartbesaitet sind, sollten sich das lieber noch einmal überlegen 😉

Zum Abschluss hier noch ein Beitrag vom NDR über den Zirkus des Horrors

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