A little less drama please – Oder: Der Mann, der mich nicht das Fürchten lehrte

Meine Mentorin in der Uni pflegte immer zu sagen, Angst käme etymologisch betrachtet von „Enge“ und sie würde es überhaupt nicht einsehen sich einengen zu lassen oder sich selbst einzuenengen. Dies sei nur eine Beschränkung im Kopf. Und daher habe sie auch keine Angst. An Tagen wie diesen rufe ich mir die Erinnerungen an diese Lektion gerne wieder zurück ins Gedächtnis, denn nach manchem Erlebnissen ist es gar nicht so einfach, sich daran zu erinnern, dass man keine Angst haben will und stark sein kann. Freitagnacht war einer dieser Momente, als ein Mann mich auf dem Nachhauseweg ansprach, verfolgte und schlussendlich in einen dunklen Weg zog und zu Boden riss.

Ich frage mich an solchen Wochenenden, wie das wohl ist, wenn man eher ein durchschnittliches Leben führt. Arbeiten von 9 bis 5, zum Partner nachhause kommen, die obligatorische Fernsehsendung gucken, zwei mal wöchentlich Sex aus Pflichtgefühl haben und dabei die Einkaufsliste für den nächsten Tag zurecht dichten. Am Wochenende zu gediegenen Pärchenabenden ziehen und immer brav vor Mitternacht ins Bett gehen. Nach zwei Bieren sich etwas schummerig fühlen und lieber nicht mehr so viel trinken. Ab und zu die Eltern besuchen, die in selbiger Einöde vor sich hin leben und natürlich auch die hart auf die 30 zugehenden Kinder mit Finanzen und Rat unterstützen. Eigentlich keine Angst haben zu müssen, dass es mit dem Job doch nicht so klappen könnte, denn zur Not zieht man halt mal wieder bei Mama und Papa ein. Das gute, brave Mädchen zu sein, das sowieso nicht bis in die Puppen loszieht und wenn das doch mal vorkommt, sich kichernd mit ihrer Gluckenherde ein Taxi teilt. Das Leben wäre auf jeden Fall anders.

Versteht mich nicht falsch. Ich will niemanden verurteilen oder kritisieren der so lebt. Jedem sei ja selbst überlassen, wie er sich glücklich fühlt und was er vom Leben erwartet. Ich mag es nicht die traurige „Ich habe keine Eltern mehr“-Karte zu ziehen oder rumzujammern, dass ich ein echtes Problem habe, wenn ein finanzieller Schlag kommt. Mit Ersterem muss ich leben, für Zweiteres habe ich mich entschieden, als ich mir vorgenommen habe in einem Job zu arbeiten, der mir wirklich gefällt und für den ich eine Leidenschaft entwickeln kann, statt den einfachen Weg zu gehen. Es hat zwar ein paar Jahre länger gedauert, bis sich der Weg so richtig abgezeichnet hat, aber im Moment sieht die Perspektive ganz gut aus.

Ich gehe gerne aus. Auch lange. Und bis tief in die Nacht. Dabei fließt dann auch das ein oder andere Bier, manchmal auch ein Schnaps. Ich mag es, an der Theke zu sitzen, mit skurrilen Gestalten über abstruse Dinge zu philosophieren und einfach in dem Moment zu schwelgen. Ich brauche dabei nicht immer eine große Gruppe von Freunden um mich herum, um mich sicher zu fühlen. Ich fühle mich auch sicher mit mir selbst. Ich bin erwachsen. Nachdem ich vor zwei Jahren im Urlaub zusammen mit einer Freundin nachts überfallen wurde, war ich eine ganze Zeit lang etwas zitterig, wenn ich abends in einer dunkleren Ecke lang gelaufen bin. Man muss dazu sagen, ich wohne wirklich nah an der Stadt. Von der Kneipe, in der ich oft als letzte Station strande, laufe ich im nüchternen Zustand etwa 8 Minuten bis zu meiner Wohnung. Nach einem langen Abend können es mal 15 werden. Damals habe ich mir für diese Strecke oft ein Taxi gerufen und wurde von allen, inklusive den Taxifahrern, dafür belächelt. Ob ich denn so faul sei, dass ich die paar Meter nicht laufen könne. Ob ich denn so reich sei, dass ich das Geld so aus dem Fenster schmeißen könnte. Ein wenig gab ich den Stimmen irgendwann recht und fing an, öfter wieder nachhause zu laufen. Letztendlich tun ein paar Meter an der frischen Luft ja auch ganz gut.

Natürlich ist es nicht klug, alleine tief in der Nacht herumzulaufen. Mein Weg führt zwar an zwei Hauptstraßen entlang, in einer tiefenentspannten Stadt wie Detmold tut das jedoch nicht viel zu Sache. Hier schaffe ich es gelegentlich, den gesamten Weg aus der Innenstadt zu laufen, ohne, dass mir auch nur ein Auto entgegenkommt. Am Freitag war eben einer dieser besagten Abende. Es war Ohrenschmaus in der Stadt (für die Nicht-Detmolder: das ist ein Kneipenfestival mit Livemusik und vielen betrunkenen Menschen) und nachdem mein Portemonai Ebbe anzeigte und ich dafür umso voller war, trat ich gegen 3 Uhr morgens den Heimweg an. Freunde von mir blieben an der Theke zurück, konnten dem wohligen Rausch noch nicht Gute Nacht sagen und ließen mich sorglos ziehen. Ich war kaum 200 Meter weit gekommen, als ein Mann hinter mir her kam und mich ansprach. Er könne kein Deutsch, nur Französisch und er fände mich so hübsch. Ich war zu betrunken um mich geschmeichelt zu fühlen, wollte einfach nur nachhause und schlafen und hoffen, dass mein Brummschädel am nächsten Morgen zulassen würde, dass ich mein Bett jemals wieder verließe. Englisch konnte der Mann auch nicht, oder wollte es nicht verstehen. Meine Versuche, zu verdeutlichen, dass ich überhaupt kein Interesse hatte, scheiterten. Die gebrochenen Reste meines Schulfranzösisch brachten mich nicht wesentlich weiter, also gestikulierte ich mit Händen und Füßen und setzte dazu an, meinen Weg fortzusetzen und dabei möglichst höfliches Desinteresse zu vermitteln.

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Vergebens. Er folgte mir immer weiter auf meinem Weg, sprach in schnellem Franzöisch, zog mich zu sich hin, versuchte mich zu küssen. Ich schubste ihn, wusste, ich hätte keine Chance, würde ich versuchen, wegzurennen. Meine Sportlichkeit hält sich in Grenzen, die Uhrzeit und der Alkohol machten das nicht gerade besser. Ich war immernoch überzeugt, er würde früher oder später abziehen. Was solle an der Hauptstraße schon groß geschehen. Ich gestikulierte, dass ich nur noch ins Bett gehen möchte, alleine. Versuchte ihn loszuwerden, indem ich darauf pochte, er solle mir seinen Facebooknamen geben, dann würde ich mich die Tage bei ihm melden (was ich selbstverständlich niemals vor hatte). Kurioserweise fand er sich nicht in der Liste, was daran liegen könnte, dass er einfach „nicname nicname“ eingegeben hat. Habe ich natürlich erst im wieder nüchternen Zustand am nächsten Tag realisiert. Ich versuchte nun also durch die Änderung meines Kurses darauf zu hoffen, dass er endlich von mir abließ.

Dabei machte ich einen großen Fehler, denn ich wechselte die Straßenseite. Hier geht vom Bürgersteig aus ein kleiner dunkler Pfad zu einem Parkplatz ab. Der Mann sah seine Chance, zog mich auf den Pfad, zog mich an sich heran und riss mich zu Boden. Als er über mir lag, versuchte ich ihn wegzuschubsen, mich wegzudrehen, um Hilfe zu rufen. Er zerrte an mir, riss meinen Arm zur Seite, zog an meinem Schal und zerriss dabei meine Kette. Schreien kann ich, und zwar laut. Das ist einer der Vorteile, wenn man prinzipiell ein recht lauter Mensch ist. Meine Stimme lässt mich nie im Stich. Der Mann sprang schließlich auf und sprintete in Richtung Hauptstraße von dannen. Ich stand zitternd auf, suchte meine Kette und meinen Anhänger und ging ebenfalls zurück in das Licht der Straßenlaternen. Kurz war ich versucht, einfach nachhause zu gehen. Ich war vergleichsweise ruhig innerlich. Habe mich geärgert, dass ich nicht einfach bei den anderen an der Theke geblieben bin, mit einem ungefährlichen Mann nachhause gegangen bin oder das verdammte Taxi gerufen habe. Dann sah ich die kaputte Kette in meiner Hand. Mein Bruder hat sie mir geschenkt, als ich das letzte mal in Arizona war. Der Anhänger ist ein indianisches Zeichen für Musik und Familie und Hoffnung. Eine Seite ist Opal, sein Geburtstsstein und die andere Tiegerauge, mein Lieblingsstein. Ich habe sie seitdem nie abgenommen, da ich mit ihr immer erinnert bin, an diesen wichtigen Teil meines Lebens und weiß, dass mein Bruder immer für mich da ist. Wie diese Kette nun zerissen in meiner Hand lag, bin ich einfach nur noch wütend geworden. Auf mich zum Einen aber vor allem auf dieses Arschloch, das es wagt, mich einzuengen, versucht mir Angst zu machen, denkt, er hätte irgendwelche Ansprüche oder wäre stärker als ich, nur weil er ein Mann ist und ich eine schwache Frau bin.

Ich rief die 110, schilderte mit schwerer, betrunkener Zunge, dass jemand versucht hat, mich zu vergewaltigen (auch wenn das faktisch soweit erstmal nicht ganz korrekt war, schließlich war es nun eher meine Vermutung, dass er das vorhatte). Ich blieb ganz ruhig an der Straße stehen, rauchte eine Zigarette und wartete auf das Eintreffen der Beamten. Diese kamen etwa zehn Minuten später, durchsuchten mit Taschenlampen die Umgebung nach Hinweisen, befragten mich nach Details und ließen mich pusten. Ja, ich war voll, aber das macht die Sache ja nunmal nicht ungeschehen. Die insgesamt 5 Beamten waren freundlich aber distanziert. Ein wenig unbeholfen stand ich da rum, wusste nicht genau was passiert, hatte aber durchaus das Gefühl, ernst genommen zu werden. Zwei der Polizisten, die in zivil waren, brachten mich nach Hause, fotografierten einen Kratzer an meinem Hals und Namen meine Jacke, Schal und mein Oberteil mit, um auch diese auf Spuren zu untersuchen. Ich rief in dieser Nacht noch eine Freundin an, froh, dass ich Freunde habe, die morgens um halb 5 noch ans Handy gehen, weil sie wissen, dass ich nur in einer absoluten Krise anrufen würde. Während ich rauchend am Fenster stand wurde ich auch wieder ruhig. Die ganze Aufregung mit der Polizei war doch etwas viel für meine Nerven.

Am folgenden Morgen habe ich mich recht schnell entschlossen, die Geschichte in kurzer Form auf Facebook zu posten. Falls irgendjemand das Ganze mitbekommen hat, wollte ich darauf aufmerksam machen. Und vor allem wollte ich mich und alle anderen daran erinnern, dass auch Detmold gefährlich sein kann. Man muss nicht durch eine Großstadt laufen oder in der finstersten Ecke unterwegs sein. Ich war mitten an der Hauptstraße und dennoch nicht sicher. Aber: ich habe auch keine Angst. Ich habe keine Angst davor, alleine in die Stadt zu gehen oder alleine unterwegs zu sein. Ich lasse mich nicht verschrecken von jemandem, der Frauen angreifen muss, um Körperlichkeit zu erfahren. Ich will diese Sprüche, die immer beginnen mit „wie kann man als Frau um die Uhrzeit nur…“, nicht hören und vor allem nicht leben. Ich bin eine Frau und ich kann, was ich will. Es macht mich nicht zu einem schlechteren oder schwächeren Menschen, dass ich kein Mann bin. Ich lasse mich nicht in eine Opferrolle drängen und bin nun kein zu tiefst traumatisierter Mensch, der mit Samthandschuhen angefasst werden muss. In einem Facebookkommentar wurde mir vorgeworfen, wie „hirnlos“ ich sei, dass ich in die Nähe dieses dunklen Wegs gegangen bin. Vielen Dank auch, dass das nicht die klügste Entscheidung war, ist mir mittlerweile auch klar. Ein anderer Kommentartor wetterte sofort los, dass man nun, da wir ja all die Flüchtlinge nach Deutschland lassen, sowieso niemand mehr sicher sein kann. Auch dies ist ein wahnsinnig hilfreicher Kommentar, zumal ich meinen Angreifer an keiner Stelle als Flüchtling beschrieben habe. Aber wer die Hasskappe auf hat, trägt sie eben immer mit sich herum.

Letztendlich haben viele Freunde und Bekannte toll reagiert, meinen Beitrag geteilt und ebenso damit versucht, weitere Zeugen zu finden. Viele haben angerufen und gar ganze Telefonketten gestartet. Ich danke euch allen, dass ihr euch so um mich sorgt. Aber mir geht es gut. Mir geht es immer gut. Ich lasse mich nicht einengen und mir schon gar keine Angst machen.

2 Kommentare zu „A little less drama please – Oder: Der Mann, der mich nicht das Fürchten lehrte

  1. Liebe Yvonne, auch wenn wir uns nicht sooo gut kennen, als ich Dich zum ersten Mal im Verlag sah, wusste ich : Du bist eine tolle, starke Frau. Dieser Text zeigt, dass das stimmt. Auch ich habe schon Übergriffe erlebt und überstanden und kann Dir nur Recht geben : Dass irgendwelche Typen meinen, sie könnten sich einfach nehmen was sie wollen, kann nicht der Grund sein, in Angst durch die Straßen zu gehen. Ich will mich auch nicht zwingen lassen, mein Leben anders zu leben, nur weil es solche Kerle gibt. Alles Liebe, es ist schön, Dich zu kennen.

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  2. Angst hat was mit Enge zu tun: tolle Erklärung, und auch inhaltlich so gut nachvollziehbar. Wenn ich Angst habe, werden mir Herz, Mut und Sinn ganz klein und eng, ich kann nicht mehr „groß“ denken, sondern nur noch in schmalen, engen Bahnen; ich verliere den Blick für Lösungen – und den fürs Schöne im Leben. Das ist bei dir zum Glück nicht der Fall, das zeigt dein tolle Beitrag ja ganz deutlich. Und falls du doch mal für ein winziges Weilchen kleinmütig werden solltest: Die Rezepte dagegen kennst du ja sowieso. Schreiben hilft immer. Kochen auch. Und die Musik aufdrehen & durch die Bude tanzen.

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