Zwischen Himmel und Hades (2): Kalispéra Santorini!

Auslandsurlaub kommt für mich in diesem Jahr nicht in Frage, deshalb nehme ich euch mit auf eine Reise. Auf unserem Inseltrip über Santoriniging es im ersten Teil bereits ins pulsierende Zentrum Fìra. Heute begeben wir uns ganz in den Norden und in den Süden entlang der Kraterwand.

Hoch im Norden liegt die Stadt Oía

Kaum an einem anderen Ort der Insel trifft das echte Leben der Insulaner so sehr auf die Sorgen und Nöte, die ständige Tourismusströme zu Tage fördern. In Oía findet man versteckte, alte Gassen, die sich wie ein feines Geäst durch die Stadt spinnen. Gar nicht so einfach hier die Orientierung zu bewahren. Dass hier echte Menschen leben – und nicht nur ihre Freizeit verbringen – erkennt man unschwer an den vielen Plakatierungen, die das Stadtbild pflastern. Touristen meinen, sie dürfen alles.

Dabei wird offenkundig auch nicht davor halt gemacht, Schulkinder in der Pause abzulichten, oder mit Drohnen über den Wohnhäusern zu fliegen – oder gleich auf die Dächer der Privathäuser zu klettern, um ein Infinity-Foto zu machen. Dagegen kämpft die Respect-Kampagne: „Be a traveler not a tourist; see things through their eyes.“

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Selbst in dieser tendenziell besucherarmen Nebensaison, in der ich mich durch die Stadt schlängele, gibt es einige Ecken, an denen ich mich kaum vorwärts bewegen kann. So viele Menschen schieben sich in Scharen entlang der prominenten Promenade, die zum Hafen Ammoudi führt. Trotz Google Maps in meiner Hand schaffe ich es übrigens nicht, im ersten Anlauf den richtigen Weg zum Hafen einzuschlagen. Immerhin komme ich durch die irritierenden Umwege in den Genuss, mehr von der Stadt kennenzulernen.

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Was in Fírà die omnipräsenten Treppen sind, sind in Oía Türen, die scheinbar ins Nichts führen. Manch eine sieht aus, wie ein altes Tor, eine andere ähnelt eher einer Haustür. Sie sind verranzt, verrückt, vernagelt. Die Türen in Oía laden dazu ein, für einen Moment stehen zu bleiben, vor sich hin zu summen und sich vorzustellen, welche Geschichten diese abweisenden Schranken zu erzählen hätten…

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Alt und neu

Steht man gerade noch vor einem niegelnagelneuen Hotel, ist drei Schritte daneben eine alte Barracke zu sehen. Das Stadtbild von Oía irritiert. Ist das Kunst? Oder kümmert es niemanden? Eine Ruine, die auf jeden Fall die Blicke auf sich zieht, ist die historische Lóndsa-Burg.

Von dem alten Kastell im Osten der Stadt schaut man hinab auf das Meer, als blickte man in eine Zeitkapsel. Im Mittelalter hauste in dem byzantischen Kastell die Familie Argýri. Heute stehen nur noch die Burgruinen, die als Aussichtsplattform dienen.

Abwärts

Zum Hafen Ammoudi geht es erneut zahlreiche Stufen hinab. Zwar liegt der Hafen nicht ganz so steil und tief entlegen wie in Fírà, der Weg ist aber nicht weniger beschwerlich. Die Stufen sind uneben, von Geröll überschüttet und mit dem Dung der Maultiere, die auch hier tagein, tagaus damit beschäftigt sind, faule Touristen zu transportieren, übersäht. Das macht den Weg hinab zu einer rutschigen Angelegenheit. Unten angekommen warten schon mehrere Restaurants darauf, die Wanderer zu begrüßen. Ammoudi ist einer der beliebtesten Orte auf der ganzen Insel, um den Sonnenuntergang zu beobachten, denn von hier aus verschwindet die Sonne hinter dem verbliebenen Ausläufer des aktiven Vulkans.

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Genau deswegen entscheide ich mich dazu, mittags hinabzuwandern. Hier habe ich die Strecke fast für mich, kann meinen Gedanken nachgehen und bleibe schließlich auch einige Stunden in Katinas Restaurant sitzen, das mir fantastischen gegrillten Oktopus kredenzt. Einen Vorteil hat der kleine Hafen: Es gibt eine nicht weit entlegene Zufahrt zur Straße, von der aus ich mir ein Taxi zurück zum Busbahnhof gönne. Unvergessen bleibt die junge Frau aus Georgia, mit der ich mir den Wagen teile und die mit ihrem heftigen US-Südstaatendialekt für immerhin zehn Minuten meinen Urlaub bereichert.

Die versunkene Stadt im Süden

Akrotiri

Akrotiri ist einer der magischten Orte, an dem ich jemals gewesen bin. Die aktive Ausgrabungsstätte der mutmaßlich ältesten Stadt Europas ist ein Must-See auf der Insel. Ganz im Süden Santorinis gelegen hält der Bus direkt am Meer. Nur wenige Schritte entfernt liegt die historische Stadt – oder viel mehr ihre Ruinen, die nach und nach seit den 60ern freigelegt werden. Die ältesten Siedlungsspuren dort weisen zurück bis in die Jungsteinzeit um 5000 vor Christus.

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Es bleibt einem eigentlich nur zu staunen, wenn man durch die Ausgrabungsstätte läuft. Vor allem an so einem Tag in der Nebensaison genieße ich die ruhigen Momente alleine zwischen den alten Häusern, auf dem Marktplatz oder durch die alten Gassen zu gehen. Akrotiri wird von einigen als das Vorbild der Atlantis-Saga gesehen. Denn, dass diese Stadt so lange unerkannt blieb, liegt daran, dass sie komplett unter Vulkansand vergraben war. Ein Ausbruch hatte jede Spur menschlichen Lebens dort konserviert. Was mit den Bewohnern geschah, ist bis heute unklar. Bislang fand man bei den Ausgrabungen keine Spuren von menschlichen Überresten.

Gefährliche Wege

Der Red Beach ist eine Augenweide. Er liegt auf der anderen Seite des Südzipfels der Insel, gleich am Fuße der neuen Stadt Akrotiri. Das Problem: Der Strand ist sehr schwer zu erreichen. Der sicherste Weg führt per Boot dorthin. Die Alternative ist ein kleiner Pfad, der ungesichert zwischen reichlich Geröll durchs Gebirge führt. Obwohl hier überall Schilder aufgestellt sind, die vor fallenden Steinen warnen und deutlich machen, dass hier der Durchgang verboten ist, herrscht reichlich Publikumsverkehr.

Am kleinen Kiosk, der sich direkt neben einer Kapelle am Fuße des Berges positioniert hat, werden die Strandtaschen aufgefüllt, oben wartet eine Obstverkäuferin und ein Straßenmusiker spielt den allgegenwärtigen Syrtaki für die Touristen. Ich klettere bis auf den Gipfel, suche mir dort einen Platz und genieße den Ausblick. Bis zum Strand gehe ich nicht – meine Höhenangst und die Sorge, auf den vielen Steinchen auszurutschen, gewinnen.

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