Zwischen Himmel und Hades (4): Kali Nichta Santorini!

Ich hatte große Angst davor, alleine in den Urlaub zu fahren. Denn obwohl ich als durchaus kommunikativ gelte, ist es für mich eine ziemliche Überwindung, wildfremde Menschen anzusprechen. Dann werde ich zum Eremiten, der still vor sich hinbrütet – oder so stelle ich mir das zumindest vor. In der Realität sieht das dann am Ende doch ganz anders aus und so habe ich in meinen wenigen Tagen auf Santorini wahnsinnig faszinierende Menschen kennengelernt. Kommt mit auf meine kleine Reise. Nachdem wir das Zentrum Fíràund den Norden und Süden besucht haben sowie Speis und Trankbegutachtet haben, geht nun die Sonne langsam unter.

Geschichten sammeln für Anfänger

Da wäre etwa Joe, ein Fotograf aus New York, der mit seinen Eltern Inselhopping durch Europa macht. Einen besonderen Platz nimmt sehr schnell Dimitra ein, die im Hotel den Abenddienst an der Rezeption erledigt. Sie ist gerade Anfang 20 und studiert eigentlich auf dem Festland Topologie. Dimitra hilft mir bei all meinen Planungen, gibt mir Tipps, was ich mir noch anschauen könnte und erzählt mir viel über die Insel und ihre Bewohner – schließlich lebt sie selbst schon hier seit sie zehn Jahre alt ist.

Dass Jordana und ich uns gut verstehen, wundert mich eigentlich nicht. Die Chefin der Ouzeri ist zwar gebürtige Griechin, hat aber lange Jahre in München gelebt und spricht ein fast perfektes Deutsch. Seit mehr als 25 Jahren ist sie nun auf Santorini. Wir freunden uns in Sekundenschnelle an. Gleich am ersten Abend nimmt mich Jordana mit in die Küche ihres Restaurants und stellt mich den Köchen vor. Wir reden über die Inselküche, die Touristen, die Probleme, die während der Saison durch den Trubel entstehen und die, die außerhalb der Saison existieren, weil es schwer ist, das Personal zu halten.

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Jordana fragt mich nach meiner Meinung zu ihren Immobiliengeschäften, erzählt mir von ihrem Leben und teilt ihre Mahlzeiten mit mir. Als Jordana mich eines Abends im vollen Laden an den Tisch ihrer zwei Freundinnen aus Deutschland setzt, will ich sie allerdings kurz verfluchen. Ich kann ja nicht ahnen, dass die beiden älteren Damen, die auf mich zunächst einen recht spießigen Eindruck machen, in Wahrheit echte Granaten sind.

Ob Helga (79) und Heide (70) wirklich so heißen, weiß ich immernoch nicht. „Im Urlaub denken wir uns manchmal andere Namen aus, das hält fit!“, sagt Heidi, die vielleicht auch Pia heißt, und lacht. Die älteren Damen kommen aus Kassel und sind zum dritten Mal hier auf Santorini. Es soll auch ihr letzter Urlaub hier auf der Insel sein, schließlich wollen sie noch mehr von der Welt sehen, so lange sie noch können, sagen sie.

Es ist der letzte Abend ihres Urlaubs. Wir siezen uns, es ist mir fast ein bisschen unangenehm. Und dann bricht das Eis. Fast wortwörtlich. Denn Heidi, die mir gegenübersitzt, gestikuliert mit ihren kettenbehangenen, manikürten Händen beim Erzählen so stark herum, dass ihr volles Glas Rosé im hohen Bogen über den Tisch segelt und sich auf meinem Rock ausleert. Das Siezen hat sich danach auch erledigt und mein getränktes Outfit wird in den kommenden Stunden noch einige Male mehr in Mitleidenschaft gezogen.

Leiden muss auch Kellner Jorges, auf den Heidi klar ein Auge geworfen hat. Küsschen hier, Foto da. Als ein Straßenmusiker, der jeden Abend mit seinem Akkordeon die Promenade entlangwandert den Laden betritt, verschwindet schnell ein 10-Euro-Schein in Heidis Ausschnitt. Sie wartet den passenden Moment ab, bezirzt den Musiker und nötigt mich kurzerhand mitten im Restaurant mit ihr einen Syrtaki auf die Tanzfläche zu legen. Ich habe keine Chance, mit der agilen Rentnerin mitzuhalten. Der Abend endet viel zu früh, wird mir aber immer unvergessen bleiben. Eine klare Lektion darin, Menschen niemals nach dem ersten Blick zu beurteilen.

Hallelujah…

..tönt es gefühlt von jeder Ecke. Spätestens dann, wenn der Sonnenuntergang einsetzt. Auf Santorini ist es eine Stunde später als in Deutschland. Das lässt den Tag etwas länger werden, so dass die Sonne Ende Oktober pünktlich dann untergeht, wenn man sich gerade fürs Ausgehen fertig machen will. Diese Sonnenuntergänge sind absolut magisch. Und auch wenn das Gedudel des Gitarristen, der Abend für Abend am Fuße meines Hotels steht mit großer Wahrscheinlichkeit vom Band kommt, gewöhnt man sich doch bald daran. And it goes like this, the forth, the fifth… gefolgt natürlich von keinem anderem Stück als „Tears in Heaven“. Und wer dann immer noch nicht an das Göttliche dieser Umgebung glauben will, dem ist nicht mehr zu helfen.

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